Zwischen Kaffeepflanzen und Bildungsangeboten entsteht in Honduras eine besondere Form von Demokratie: praktisch, nah an den Menschen und gemeinschaftlich. Was als Zusammenschluss kleiner Kaffeeproduzent*innen begann, ist inzwischen mehr als eine wirtschaftliche Kooperation. Die Kooperative COMICLOL gibt Menschen eine Stimme, die sich von der nationalen Politik übersehen fühlen und schafft Raum für Mitbestimmung, Transparenz und gemeinsame Verantwortung. Im Interview erzählt Carlos Márquez, einer der Gründer, wie Gemeinschaft politische Veränderung anstoßen kann und weshalb Demokratie oft dort am lebendigsten ist, wo Menschen gemeinsam ihren Alltag gestalten.
Was hat Dich dazu motiviert, eine Kooperative zu gründen?
Die Hauptmotivation war die Notwendigkeit, dass sich die Kleinproduzenten unserer Region organisieren, ihre technischen Fähigkeiten stärken und ihre Lebensbedingungen verbessern konnten. Für den Einzelnen war es schwierig, Zugang zum internationalen Markt zu erhalten, der viel besser ist als der lokale. Außerdem wird der Zugang zu Finanzmitteln und technischer Unterstützung erleichtert.
Wie hat sich die Situation inzwischen verändert?
Die Situation hat sich in vielerlei Hinsicht verbessert: Die Produzenten haben mehr Weiterbildungsmöglichkeiten, Zugang zu Zertifizierungen, bessere Vermarktungskanäle, eine stärkere Vertretung, und es ist ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Organisation und zur Region sowie Stolz darauf, Kaffeeproduzent zu sein, zu spüren.
Viele Menschen in ländlichen Gebieten fühlen sich von der nationalen Politik nur unzureichend vertreten. War dies auch ein Grund für die Gründung?
In unseren ländlichen Gemeinden werden die Bedürfnisse von den nationalen Behörden nicht ausreichend berücksichtigt. Die Kooperative ermöglicht es, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Produzenten organisieren und ihre Stimme gemeinsam erheben können. Die Interessen und Bedürfnisse der gesamten Gruppe gewinnen an Gewicht, wenn sie gemeinsam vertreten werden.
Wer hat den ersten Schritt getan und mit welchen Hindernissen wart Ihr konfrontiert?
Eine Gruppe regionaler Führungskräfte hat die Initiative ergriffen und andere Produzenten aufgerufen, sich formell zu organisieren. Zunächst arbeitete die Gruppe zwei Jahre lang informell. Zu den größten Hindernissen zählten der Mangel an Ressourcen, Unkenntnis über rechtliche und administrative Abläufe sowie das anfängliche Misstrauen einiger Personen gegenüber dem Kooperativenmodell.
Wie organisiert sich die Kooperative heute im Alltag?
Die Kooperative ist demokratisch organisiert. Die Generalversammlung ist das oberste Organ und setzt sich aus allen Mitgliedern zusammen. Es gibt einen Vorstand und verschiedene Ausschüsse, die für bestimmte Bereiche zuständig sind. Wichtige Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und die Zuständigkeiten entsprechend der Ämter und Funktionen verteilt. Die ordentliche und die außerordentliche Versammlung sind die wichtigsten und offensten Foren der Mitbestimmung. Die Mitglieder haben Rede- und Stimmrecht, unabhängig vom Umfang ihrer Produktion oder ihrer wirtschaftlichen Lage. Ein wichtiger Unterschied zu nationalen politischen Prozessen ist, dass ein direkter Kontakt zwischen den Mitgliedern und ihren Vertretern besteht, was Transparenz und Rechenschaftspflicht fördert.
Ist die Kooperative vor allem ein wirtschaftlicher Zusammenschluss oder auch eine politische Gemeinschaft?
Die Kooperative fungiert auch als soziale und partizipative Gemeinschaft. Neben dem Streben nach wirtschaftlichem Gewinn fördert sie Werte wie Solidarität, Mitbestimmung, Transparenz, Rechenschaftspflicht, gleichberechtigte Teilhabe gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Wachstum unter den Mitgliedern. Im Gegensatz zur oft vorherrschenden Wahrnehmung der nationalen Politik wird hier angestrebt, dass Entscheidungen direkt auf die Bedürfnisse der Mitglieder eingehen und dass eine größere Nähe zwischen Führungskräften und Mitgliedern besteht.
Wie stellt Ihr sicher, dass alle Mitglieder, einschließlich Frauen und marginalisierter Gruppen, wirklich Gehör finden?
Es gibt Frauen- und Jugendausschüsse mit jeweiligen Aufgabenbereichen, die durch offene Dialogräume und die Einbeziehung von Frauen und Jugendlichen deren Führungsqualitäten stärken sollen. Außerdem achten wir darauf, dass die Meinungen aller während der Sitzungen und Versammlungen Gehör finden. Ihre Beteiligung wird auch durch Maßnahmen gefördert, die ihre Mitwirkung innerhalb der Organisation stärken.
Gibt es Unterschiede zwischen der politischen Kultur in ländlichen Gebieten und in den Städten?
In ländlichen Gebieten ist politische Beteiligung meist stärker mit den unmittelbaren Bedürfnissen der Gemeinschaft und der gemeinsamen Arbeit verbunden. In den Städten kann die politische Dynamik eher institutionell geprägt sein und weniger nah an der Realität der ländlichen Gemeinschaften liegen. Oft hat man den Eindruck, dass die Entscheidungsträger in den Städten die Realität in ländlichen Gebieten nicht vollständig verstehen, vor allem die Schwierigkeiten, mit denen Kleinproduzenten zu kämpfen haben. Deshalb spielen Kooperativen eine wichtige Rolle als Vertreter der Bedürfnisse des ländlichen Sektors.
Inwiefern haben die Erfahrungen in der Kooperative das politische Bewusstsein ihrer Mitglieder verändert?
Die Erfahrung hat das Bewusstsein für Mitbestimmung und Organisation unter den Mitgliedern gestärkt. Viele Menschen haben dank der Erfahrungen, der Schulungen zu Partizipation, Gender und Politik sowie der Vermittlung von Wissen über Rechte und Pflichten – nicht nur innerhalb der Kooperative, sondern auch im kommunalen und sozialen Umfeld – ein größeres Interesse an Themen wie Führung, Transparenz und gemeinschaftlicher Teilhabe entwickelt.
Kann die Kooperative Einfluss auf die Lokalpolitik nehmen, zum Beispiel in Bezug auf Korruption oder Stimmenkauf?
Wir beobachten ein gesteigertes Bewusstsein bei den Mitgliedern, das sich positiv auf die Gemeinschaft auswirkt, indem Werte wie Transparenz, Teilhabe und kollektive Verantwortung gefördert werden. Es trägt auch dazu bei, negative Praktiken wie Klientelismus oder Stimmenkauf einzudämmen, weil die Mitglieder ein stärkeres kritisches und organisatorisches Bewusstsein sowie eine Kultur der Zugehörigkeit und gegenseitigen Unterstützung im Einklang mit der Gesamtheit der Mitglieder entwickeln.
Beeinflussen diese Erfahrungen die Sichtweise der Mitglieder auf die nationale Politik oder ihr Engagement?
Die Mitbestimmung beeinflusst die Art und Weise, wie viele Mitglieder die nationale Politik wahrnehmen. Durch die Erfahrungen mit demokratischer Mitbestimmung und kollektiver Entscheidungsfindung engagieren sich einige Mitglieder aktiver in kommunalen Angelegenheiten.
Beobachtest Du generationsbedingte Unterschiede im Verständnis von Demokratie?
Wir versuchen, junge Menschen durch Schulungen, Führungsmöglichkeiten und die Beteiligung an produktiven und sozialen Projekten einzubeziehen. Die neuen Generationen haben in der Regel eine offenere Sichtweise auf Themen wie Demokratie, Technologie und Partizipation, stehen jedoch auch vor Herausforderungen wie Migration und mangelnden Chancen. Viele junge Menschen sehen die Kooperative als positive Alternative für die lokale Organisation und Entwicklung, weil sie konkrete Möglichkeiten zur Mitwirkung und zum Wachstum bietet. Einige streben eine stärkere Beteiligung an der nationalen Politik an, allerdings mit einer kritischeren und auf sozialen Wandel ausgerichteten Sichtweise.
Vielen Dank für das Gespräch!


